Kölner-Stadt-Anzeiger, von ks, 15.11.2003

Abtauchen am Tresen
Foto: KS
Wenn in seiner Troisdorfer Kneipe "Litro" die Lichter ausgehen, hat auch Werner Wischnewski Feierabend. Aber während andere Nachtschwärmer den Heimweg antreten, ist der 40-jährige Wirt noch viel zu aufgekratzt, um schlafen zu gehen. Ihn zieht es dann in das Lokal seines Freundes Panagiotis Komotoglou, das länger geöffnet hat.

Erlesene Plätze

Wischnewski sucht allerdings nicht das Gespräch mit den späten Gästen. Vielmehr vertieft sich der Litro-Chef in ein Buch und entspannt bei einem Absacker. "So kann ich am besten abschalten."

Die Gespräche, die links und rechts von ihm am Tresen geführt werden, stören ihn nicht. Werner Wischnewski taucht in die Welt seines Buches ab. Er schmökert an der Theke keineswegs nur leichte Kost, sondern anspruchsvolle Romane, naturwissenschaftliche Abhandlungen, dazwischen auch mal einen Krimi von Georges Simenon oder Henning Mankell.

Griemelnd erinnert er sich an seine ersten nächtlichen Lesezeiten in der Kneipe: "Die Leute haben mich gefragt, was ich mache und ob das ein Buch ist." Mittlerweile hat sich die Stammkundschaft an den lesenden Gast gewöhnt.

Bücher sind von Jugend an die Leidenschaft des gelernten Bäckers. Das merkt auch, wer das "Litro" (der Name leitet sich ab von "Lichtspiele Troisdorf", nebenan gab es vor ewigen Zeiten ein Kino) am Bahnhof betritt. Aufgereiht an einem Fenster findet der Gast eine Menge Bücher zum Ausleihen oder Tauschen. Krimis gibt es, Belletristik, aber auch ausgefallene Werke wie beispielsweise "Die Bar am Ende der Milchstraße" von John Lucas (eine ziemlich wüste Kneipentour durch das Weltall mit dem literarischen Erbe von Douglas Adams) oder "Das Geheimnis der Jahrtausendwende" von A. T. Mann (der astrologische Schlüssel zur Wandlung des Menschen) oder das grandiose Epos über den amerikanischen Bürgerkrieg "Die Erben Kains" von John Jakes.

Das herausragendste Buch in der kleinen Kneipenbibliothek aber ist der unter die Haut gehende, große Bildband "Amerikanische Odyssee" von Mary Ellen Mark, die von dem Magazin "American Photo" zur "einflussreichsten Fotografin aller Zeiten" gekürt wurde. (ks)